
Kaum ein Bereich des Schachs schüchtert Anfänger so ein wie die Eröffnungstheorie. Ganze Bücher füllen sich mit Varianten, die zwanzig Züge tief ausgearbeitet sind, und mancher glaubt, ohne dieses Wissen sei jede Partie schon verloren, bevor sie richtig begonnen hat. Das Gegenteil ist wahr. Auf Klub- und Vereinsebene entscheidet nicht das auswendig gelernte Detail über den Ausgang, sondern das Verständnis weniger, aber solider Grundprinzipien. Wer diese Prinzipien verinnerlicht, findet auch in einer ihm unbekannten Stellung stets vernünftige Züge. Wer dagegen nur Zugfolgen memoriert, steht ratlos da, sobald der Gegner von der Theorie abweicht, und das tut er auf diesem Niveau fast immer schon im dritten oder vierten Zug.
Warum die ersten Züge den Ton angeben
Die Eröffnung hat ein klar umrissenes Ziel: die Figuren so zu entwickeln, dass sie im Mittelspiel harmonisch zusammenwirken, und den eigenen König in Sicherheit zu bringen. Alles, was diesem Zweck dient, ist ein guter Eröffnungszug; alles, was ihm zuwiderläuft, ist verdächtig. Diese Umkehrung der Perspektive ist befreiend. Statt sich zu fragen, welchen Zug das Buch empfiehlt, fragt man sich, welche Figur noch untätig auf ihrem Ausgangsfeld steht und wie man sie ins Spiel bringt.
Man spricht in der Eröffnung von der Kunst, drei Ressourcen klug zu verwalten: Raum, Zeit und Sicherheit. Zeit misst sich in Tempi, also in einzelnen Zügen. Jeder Zug, der eine bereits entwickelte Figur ein zweites Mal bewegt, ohne dass es die Stellung erzwingt, verschenkt ein Tempo, das der Gegner nutzt, um selbst zu entwickeln.
Das Zentrum beherrschen
Die vier zentralen Felder d4, e4, d5 und e5 sind das umkämpfte Herz des Bretts. Wer sie kontrolliert, verschafft seinen Figuren die größte Reichweite und schneidet dem Gegner Wege ab. Ein Springer im Zentrum bestreicht acht Felder, ein Springer am Rand nur vier. Daher der alte Merksatz, dass ein Springer am Rande Kummer bereitet. Die klassische Methode ist der Aufbau eines Bauernzentrums mit e4 und d4 oder, aus schwarzer Sicht, das sofortige Infragestellen dieses Zentrums.
Moderne Eröffnungen zeigen, dass man das Zentrum nicht zwingend mit eigenen Bauern besetzen muss. In den sogenannten hypermodernen Systemen überlässt man dem Gegner zunächst den Bauernvormarsch, um das entstandene Zentrum anschließend mit Figuren und Flankenbauern unter Beschuss zu nehmen. Beide Wege sind gültig. Wichtig ist nur, dass man das Zentrum nie ignoriert und keinesfalls kampflos preisgibt.
Figuren zügig und sinnvoll entwickeln
Entwicklung heißt, die Leichtfiguren, also Springer und Läufer, von ihren Grundfeldern auf aktive Posten zu bringen. Eine bewährte Reihenfolge lautet: erst die Springer, dann die Läufer, danach die Rochade, und erst zuletzt die Damentürme über eine geöffnete Linie. Die Dame sollte in der Regel warten. Sie zu früh herauszuziehen wirkt zwar aggressiv, lädt aber den Gegner ein, sie mit Tempo anzugreifen. Jeder Angriff auf die frühe Dame zwingt sie zum Rückzug, und während sie flieht, entwickelt der Gegner seine Figuren mit Gewinn an Zeit.
Eine hilfreiche Faustregel ist, jede Figur nach Möglichkeit nur einmal zu bewegen, bis alle entwickelt sind. Das klingt streng, verhindert aber den häufigsten Anfängerfehler, mit ein oder zwei Figuren jagend über das Brett zu ziehen, während der Rest der Armee schläft. Ein voll entwickeltes Heer schlägt fast immer ein halb entwickeltes, selbst wenn die einzelnen Figuren des Gegners scheinbar aktiver stehen.
Königssicherheit und der Sinn der Rochade
Der König gehört in der Eröffnung nicht ins Zentrum, wo sich die Linien öffnen und die Figuren aufeinandertreffen. Die Rochade erfüllt zwei Zwecke in einem einzigen Zug: Sie bringt den König hinter eine schützende Bauernkette an den Flügel und aktiviert zugleich einen Turm. Man sollte deshalb anstreben, spätestens bis zum zehnten Zug rochiert zu haben. Wer die Rochade hinauszögert, um noch schnell einen Bauern zu gewinnen, spielt mit dem Feuer.
Ebenso wichtig ist, die Bauern vor dem eigenen König nicht ohne Not zu bewegen. Jeder vorgerückte Bauer hinterlässt ein Loch, das der Gegner als Einfallstor nutzen kann. Ein berühmtes Warnsignal ist der voreilige Vorstoß der Randbauern zur Königsjagd, der die eigene Stellung öffnet, ohne konkreten Nutzen zu bringen.
Vom Prinzip zur eigenen Praxis
Für den praktischen Fortschritt genügt es, sich ein oder zwei Eröffnungen anzueignen und diese immer wieder zu spielen, statt in einem Dutzend Systemen oberflächlich zu bleiben. Man lernt die entstehenden Mittelspiele kennen, versteht die typischen Pläne und erkennt die wiederkehrenden Fehler des Gegners. Wichtig ist dabei, jede Partie nachzuvollziehen und sich zu fragen, an welcher Stelle man ein Prinzip verletzt hat. Meist findet sich die Ursache einer Niederlage nicht in einem übersehenen Zug der Theorie, sondern in einer vergessenen Grundregel: ein Tempo verschenkt, den König zu lange in der Mitte gelassen, eine Figur zweimal bewegt. Wer diese Prinzipien konsequent beachtet, kommt aus fast jeder Eröffnung mit einer spielbaren Stellung heraus, und darin liegt weit mehr Wert als in der zwanzigsten auswendig gelernten Variante.
