
Zwischen zwei ungefähr gleich starken Spielern entscheidet selten ein tiefer strategischer Plan über den Ausgang einer Partie, sondern ein einzelner taktischer Schlag. Ein übersehener Doppelangriff, eine gelähmte Figur, ein plötzliches Schach, das nebenbei eine Dame gewinnt: Solche Momente kippen ganze Partien. Die gute Nachricht ist, dass Taktik nicht auf angeborenem Talent beruht, sondern auf Mustererkennung. Es gibt eine überschaubare Zahl grundlegender Motive, die immer wieder in neuer Verkleidung auftauchen. Wer diese Motive kennt und ihr Bild verinnerlicht hat, erkennt sie am Brett fast von selbst. Vier von ihnen bilden das Fundament, auf dem nahezu jede Kombination ruht.
Was ein taktisches Motiv ausmacht
Ein taktisches Motiv ist eine wiederkehrende geometrische Konstellation, die es erlaubt, mit einem Zug mehr zu erreichen, als der Gegner abwehren kann. Fast immer geht es darum, zwei Ziele gleichzeitig zu bedrohen, denn der Gegner kann in einem Zug nur eines davon verteidigen. Der gemeinsame Nenner aller Taktik ist die Überlastung: Eine feindliche Figur, ein Feld oder der König müssen zwei Aufgaben zugleich erfüllen und scheitern daran. Wer taktisch sehen lernen will, achtet deshalb zuerst auf ungedeckte Figuren, auf Figuren auf derselben Linie oder Diagonale und auf einen entblößten König. Das sind die Zutaten, aus denen Kombinationen entstehen.
Die Gabel: ein Angreifer, zwei Ziele
Die Gabel, auch Doppelangriff genannt, ist das erste Motiv, das jeder Anfänger lernt, und zugleich das häufigste in der ganzen Praxis. Eine einzige Figur greift zwei gegnerische Steine gleichzeitig an. Der Springer eignet sich dafür besonders, weil er in eine Richtung springt, die keine andere Figur kontern kann, und weil er mehrere Felder unterschiedlicher Farbe zugleich bedroht. Der klassische Fall ist die Familiengabel, bei der ein Springer König und Dame gleichzeitig angreift: Der König muss aus dem Schach, und die Dame fällt.
Doch nicht nur der Springer gabelt. Ein Bauer, der zwei Figuren gleichzeitig angreift, gewinnt oft eine davon, weil er als geringster Stein ungestraft nicht geschlagen werden kann. Auch Dame und König gabeln regelmäßig. Wer selbst gabeln will, sucht nach zwei wertvollen gegnerischen Zielen, die durch eine Springerbewegung oder einen Bauernstoß gleichzeitig erreichbar sind. Wer sich gegen Gabeln schützen will, vermeidet es, zwei wichtige Figuren auf Felder zu stellen, die ein Springer in einem Zug gemeinsam angreifen kann.
Die Fesselung: gelähmte Figuren
Bei der Fesselung steht eine gegnerische Figur zwischen der angreifenden Figur und einem wertvolleren Stein dahinter. Die gefesselte Figur kann sich nicht bewegen, ohne den dahinterstehenden preiszugeben. Steht hinter ihr der König, spricht man von einer absoluten Fesselung, denn ein Zug wäre illegal. Steht hinter ihr nur eine wertvollere Figur, etwa die Dame, ist die Fesselung relativ; ein Zug wäre erlaubt, aber verlustreich.
Gefesselt wird stets von den Linienfiguren, also von Läufer, Turm und Dame. Ein Läufer auf g5, der einen Springer auf f6 an die dahinterstehende Dame fesselt, ist ein Standardbild vieler Eröffnungen. Die praktische Konsequenz ist doppelt. Erstens ist eine gefesselte Figur als Verteidiger wertlos, weshalb man sie mit einem weiteren Angreifer bequem erobern kann. Zweitens lässt sich ein gefesselter Springer bequem zusätzlich mit einem Bauern angreifen, weil er nicht ausweichen darf. Die alte Regel lautet daher, eine gefesselte Figur mit allem anzugreifen, was zur Verfügung steht.
Der Spieß: das umgekehrte Prinzip
Der Spieß ist gewissermaßen die Fesselung in umgekehrter Reihenfolge. Nun steht die wertvollere Figur vorne und muss ausweichen, wodurch die geringere dahinter zum Schlagen freigegeben wird. Das eindrucksvollste Beispiel ist ein Turm oder Läufer, der dem König Schach bietet, während hinter dem König auf derselben Linie die Dame steht. Der König muss aus dem Schach treten, und die Dame geht verloren.
Spieße sind besonders im Endspiel gefährlich, wenn die Zahl der Figuren gering ist und Könige sowie Türme auf offenen Linien und Diagonalen stehen. Wer die Motive Fesselung und Spieß gemeinsam betrachtet, erkennt ihre Verwandtschaft: In beiden Fällen liegen zwei Figuren auf einer Linie, und der Wert der beiden entscheidet, welches der beiden Motive vorliegt. Deshalb lohnt es sich, ständig darauf zu achten, wann zwei eigene Figuren ungeschützt auf einer geraden Linie oder Diagonale zueinander stehen.
Der Abzugsangriff: die verdeckte Drohung
Das wohl gefährlichste Motiv ist der Abzug. Eine eigene Figur zieht weg und gibt dabei die Wirkung einer dahinterstehenden Figur frei. Weil die ziehende Figur selbst eine eigene Drohung aufstellen kann, entstehen zwei Angriffe zugleich, gegen die keine einzelne Verteidigung hilft. Am vernichtendsten ist das Abzugsschach: Die verdeckte Figur gibt Schach, während die vortretende Figur ungestraft schlägt, was sie will, denn der Gegner muss zuerst das Schach parieren.
Die Steigerung ist das Doppelschach, bei dem sowohl die abziehende als auch die aufgedeckte Figur gleichzeitig Schach bieten. Gegen ein Doppelschach hilft nur der Königszug, weil man unmöglich zwei Angreifer auf einmal schlagen oder blockieren kann. Genau aus diesem Grund gehören Doppelschachs zu den häufigsten Ideen in Mattkombinationen.
Wie man das taktische Auge trainiert
Taktik lernt man nicht durch Lesen, sondern durch Wiederholung. Das tägliche Lösen von Aufgaben, den sogenannten Taktikaufgaben, prägt die Muster so tief ein, dass man sie im Spiel unbewusst wiedererkennt. Hilfreich ist eine feste Suchroutine bei jedem Zug: Welche gegnerischen Figuren stehen ungedeckt? Welche Figuren liegen auf einer Linie mit dem König oder der Dame? Gibt es ein Schach, einen Schlag oder eine Drohung, die ich noch nicht geprüft habe? Diese drei Fragen, konsequent gestellt, verhindern die meisten groben Fehler und decken zugleich die eigenen Chancen auf. Mit der Zeit verschmelzen die einzelnen Motive zu Kombinationen, und was zunächst wie ein plötzlicher Geistesblitz wirkte, entpuppt sich als das ruhige Wiedererkennen längst bekannter Bilder.
